Pflege und Beruf

Wie kann man seine berufliche Tätigkeit mit der Betreuung von pflegebedürftigen Angehörigen in Einklang bringen? Dieser Frage kommt angesichts des demografischen Wandels immer größere Bedeutung zu. Seit Jahren richtet sich das Augenmerk junger Familien völlig zu Recht auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dabei steht bislang in erster Linie die Schaffung von Kinderbetreuungsmöglichkeiten im Fokus. Die zunehmende Alterung der Bevölkerung erfordert jedoch auch Denkansätze, die sowohl auf die Bedürfnisse alter und sehr oft pflegebedürftiger Menschen sowie auch der sie betreuenden Personen eingehen.

Entscheidet sich jemand für die Betreuung eines Angehörigen, so hat dies unweigerlich Auswirkungen auf die eigene berufliche Situation, aber auch auf die Unternehmen selbst. Den meisten Unternehmen, so das Erschreckende einer wissenschaftlichen Studie, ist noch nicht einmal bewusst, ob bzw. wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von einer "Betreuungsbelastung" betroffen sind.

Die betreffende Studie hat die Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes im Auftrag des Regionalverbandes vorgelegt. Die wichtigsten Ergebnisse sind in einem „Praxisleitfaden und Checkliste zur Umsetzung von Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf“ als Broschüre zusammengefasst. Da dabei in der Regel die Belange der mitten im Berufsleben stehenden Generation angesprochen werden, hat man diese Problemlage in der Studie sowohl aus Arbeitnehmer- wie aus Arbeitgebersicht thematisiert. Denn angesichts des immer deutlicher werdenden Fachkräftemangels in der saarländischen Wirtschaft kommt der Unternehmensbindung für bewährte Fachkräfte eine besondere Bedeutung zu.

Es wurde deutlich, dass in vielen Unternehmen die Pflegebelastung von Mitarbeitern kein offen behandeltes Thema ist. Viele Arbeitnehmer scheuen sich offensichtlich aus Angst vor beruflichen Nachteilen über ihre besondere Belastung zu reden und die ihnen rechtlich und freiwillig zustehenden Möglichkeiten auch wirklich auszuschöpfen! Dass eine weitere Sensibilisierung für die Thematik notwendig ist, zeigen ausgewählte Ergebnisse der online-Befragung:

  • Etwa 30 % der befragten Unternehmen ist nicht bekannt, ob Beschäftigte einen Angehörigen pflegen oder betreuen
  • Viele Unternehmen sehen das Thema derzeit nicht als relevant an, Erfahrungen liegen kaum vor
  • Vor allem Kleinst- und kleine Unternehmen halten es nicht für zutreffend, sich künftig verstärkt auf die Thematik einstellen zu müssen
  • Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschweigen Pflegeübernahme häufig und nehmen angebotene Maßnahmen erst in Anspruch, wenn sie an ihre persönlichen Grenzen gelangt sind
  • In den meisten befragten Unternehmen wurden bisher wenig Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf geplant oder umgesetzt
  • Reduzierung der Arbeitszeit ist häufig das Mittel der Wahl: sie kommt den Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer jedoch nicht entgegen und trägt auch nicht zur Vereinbarkeit bei. Denn: Ziel sollte es sein, Erwerbstätigkeit und Angehörigenpflege gleichzeitig durchzuführen
  • Reaktiv statt proaktiv: Unternehmen wollen im Einzelfall reagieren statt vorausschauend zu planen
  • Beschäftigte brauchen allerdings konkrete und langfristig schützende Maßnahmen
  • Dennoch: viele Unternehmen halten viele der erfragten Maßnahmen für kurz-, mittel- oder langfristig umsetzbar
  • Beispiel: Die Möglichkeit zur Organisation der Pflege/Betreuung in der Arbeitszeit wird erst von 8 % der Unternehmen angeboten, aber etwa zwei Drittel (60 %) schätzen dies als umsetzbar ein

Die Studie empfiehlt eindringlich, die Frage der „Vereinbarkeit von Betreuung/Pflege und Beruf“ mit all ihren Facetten im Betrieb und bei den Beschäftigten deutlicher zum Thema zu machen.